Zu Gast beim ehemaligen Staatsfernsehen ERT3 – „We are freedom TV“

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Beim Betreten des Studios scheint alles normal. Die Journalist_innen begrüßen uns freundlich und die Abendnachrichten werden vorbereitet. Wären da nicht die Transparente an der Außenwand und die zahlreichen eingeschickten Kinderzeichnungen – nichts würde darauf hindeuten, dass dieser Sender besetzt ist.
400 Mitarbeiter_innen des staatlichen lokalen Fernsehsenders ERT3 in Thessaloniki bekamen am 11. Juni 2013 einen Brief mit ihrer Kündigung. Über Nacht sah sich die gesamte Belegschaft mit der Arbeitslosigkeit konfrontiert, in dem überregionalen Muttersender ERT traf es insgesamt 2.600 Mitarbeiter_innen. Ohne Ankündigung wurde der Sender geschlossen.
Der Bildschirm auf dem Kanal wurde schwarz, doch die Journalist_innen beschlossen weiter zu produzieren und die Sendungen via Internet zu verbreiten. Aus Angestellten des Staates wurden Besetzer_innen, die Unterstützung der Bevölkerung hatten sie auf ihrer Seite. Eine Menschenmasse versammelte sich am Tag der Schließung vor dem Sender und demonstrierte spontan gegen die Schließung von ERT3. Das kam auch für die Journalist_innen überraschend, denn trotz des Widerstands gegen inhaltliche Eingriffe in das Programm seitens der Regierung galt ERT nicht unbedingt als regierungskritisch.
In der Gesprächsrunde mit fünf der betroffenen Journalist_innen und dem Nachrichtensprecher Alexander Triantafylidi entwickelt sich schnell eine emotionale Stimmung. Auch wenn die Arbeit weitergeht, „es verändert uns als Menschen“, erklärt Triantafylidi, der durch seine Bekanntheit auch Jobchancen bei anderen Fernsehsendern hätte. „Es ist doch Wahnsinn, was hier passiert! In einer Situation wie dieser hat man zwei Möglichkeiten: Jammern oder Kämpfen. Wir haben uns für das Kämpfen entschieden. Wir haben nichts mehr und möchten unser Leben und unseren Stolz zurück!“, ergänzt seine Kollegin Penny Tompri.

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„Es ist keine Besetzung, sondern Selbstorganisation. Es ist unser Zuhause!“ Während er diese Worte ausspricht, muss Triantafylidi um Fassung ringen.
Diese Erfahrung schlägt sich in der Berichterstattung nieder, sie wurde kritischer. Innerhalb der viermonatigen Besetzung stieg die Zahl der Onlinezuschauer_innen auf 25 Millionen, eine Quote der Utopie zu offiziellen Tagen. ERT3 wurde seit der Besetzung zum Sprachrohr derjenigen, die unter dem Troika-Diktat und den Maßnahmen der griechischen Regierung leiden – die Bevölkerung.
Dennoch verließ zwei Monate nach der Schließung die Hälfte der Besetzer_innen ERT3 und nahm das Angebot an, bei dem neu aufgebauten staatlichen Sender NERIT anzufangen. 125 Millionen Euro investiert die Regierung für NERIT, eine Summe, die die Mitarbeiter_innen vermuten lässt, dass die Schließung von ERT nicht aus finanziellen Gründen geschah, sondern um stärkere Kontrolle über die Inhalte zu erlangen. Für die übergewechselten Journalist_innen bedeutet die Anstellung bei NERIT weniger Lohn und weniger Freiheit in der Berichterstattung, doch die existenziellen Nöte siegten über den Idealismus.  In Griechenland gibt es nur 18 Monate Arbeitslosengeld, eine Gesetzesänderung seit den EU-Troika-Diktaten. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt der Selbstmord einer Mitarbeiterin kurz nach der Zwangsschließung. Nur ein Fall von 4.000 gemeldeten Suiziden seit Beginn der sogenannten Krise.
Es hat einen Bruch in der Belegschaft gegeben, die übrig Gebliebenen sind jedoch nicht weniger kampfbereit. Sie wissen nicht worauf sie hoffen sollen, denn die Neuschaffung des neuen staatlichen Senders NERIT hat bereits begonnen. Die Journalist_innen nutzten ihre weitere Ausstrahlung auch um mit allen Parteivorsitzenden zu sprechen, „außer mit der Goldenen Morgenröte“, bekräftigt Penny Tompri. Sie überzeugten die Oppositionsparteien, nicht für NERIT zur Verfügung zu stehen, und sind damit der einzige Fernsehsender, der alle Parteien interviewt.
Während die privaten Sender türkische Seifenopern in Dauerschleife zeigen und der neue öffentlich-rechtliche Sender starker Zensur unterworfen ist, ist ERT3 die einzige regionale Informationsquelle für die Bevölkerung. Bevölkerung und ERT3 Mitarbeiter_innen brauchen sich gegenseitig. Und so werden die Journalist_innen nicht müde auf ihre Situation aufmerksam zu machen.
Wir begleiten sie zu einem Proteststand vor dem Filmfestival in Thessaloniki, bei dem sie im vergangenen Jahr selbst noch live berichteten. Nun stehen sie draußen und versuchen die Besucher_innen darauf hinzuweisen, dass sie noch da sind und arbeiten. Denn leider erreicht der Broadcast lediglich die jüngeren Zuschauer_innen. Sie sprechen mit allen interessierten Passant_innen, und wenn man ihre Situation kennt, überrascht ihre positive Energie.

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Sie stehen im Visier der Regierung, sie müssen jederzeit mit einer Räumung und Festnahme rechnen. Der Kampf gegen die Ungerechtigkeiten ist weiterhin das, was die Journalist_innen antreibt. Seit der Besetzung sind sie Teil eines großen Aktivist_innennetzwerkes in Griechenland und sie freuen sich über jede Unterstützung aus dem Ausland. „Die Freiheit, die wir hier erfahren, wird uns ein Leben lang prägen, und das können sie uns nicht nehmen. Es verändert uns als Menschen.“ sind die letzten Worte von Alexander Triantafylidi, bevor wir das Studio verlassen.
Nur eine Woche nach unserem Besuch räumten am 7. November Polizeikräfte den Muttersender ERT in Athen.

Katja

Selbstmord einer ERT3-Mitarbeiterin:

http://www.keeptalkinggreece.com/2013/10/10/thessaloniki-fired-ert-employee-jumps-to-death/

Weitere Informationen:
www.ert.gr

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