Krise, Selbstorganisation und soziale Netze – Vorwort zu unserem Reisebericht

vorwort

Eurokrise und Troika,Jugendarbeitslosigkeit und Generalstreik, „Pleitegriechen“ und Korruption… Über den Zustand Griechenlands wurde in den vergangenen Jahren in der Presse viel geschrieben, doch die Lebenssituation der Menschen wurde dabei allzu oft ausgeblendet.
„Wir müssen uns selbst ein Bild von den Auswirkungen der Krise vor Ort machen“, dies war im November 2012 der spontane Impuls nach einem Vortrag über die aktuelle Situation in Griechenland, der ein anschaulicheres Bild der griechischen Verhältnisse zeigte. Diesem Impuls sind wir nachgegangen. Knapp ein Jahr später machten sich 17 Aktive aus Thüringen mit ganz unterschiedlichen politischen Hintergrün den gemeinsam auf den Weg, um Menschen in Griechenland zu treffen und ihre Lebens- und Arbeitssituation für eine Woche in den Blick zu nehmen. Wir wollten wissen, wie die aufoktroyierte Sparpolitik der Troika die Menschen vor Ort und ihr Leben verändert und wie die Dinge zusammenhängen. Wir wollten verstehen, was die Krise mit uns zu tun hat und was wir politisch bei uns vor Ort tun können.
Was wir gesehen, gehört und erfahren haben, war widersprüchlich: Einerseits Menschen, die mit den Straßenhunden um die Abfälle konkurrieren. Chro- nisch Kranke, die keine Medikamente mehr erhalten. Beschäftigte, die ihren Job und jegliches Einkommen verloren haben. Die Auswirkungen der Krise sind für viele Menschen drastisch, der tägliche Überlebens- kampf kostet Kraft und ist erschöpfend.
Andererseits haben wir Menschen getroffen, die trotz aller Schicksalsschläge versuchen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Die trotz aller Wid- rigkeiten versuchen, in der Krise solidarisch zuein- ander zu stehen und Widerstand zu leisten, um ihre Lebensqualität zu verteidigen und ihre Lebenslust zu behalten: Baustoffarbeiter, die ihre Fabrik besetzt halten und die Produktion unter eigener Regie wie- der aufgenommen haben. Bedienstete des staatlichen Rundfunks, die seit Monaten autonom weitersenden, obwohl der Sender quasi über Nacht geschlossen wor- den ist. Hunderte von Freiwilligen, die eine selbstor- ganisierte Krankenstation betreiben, in der Menschen ohne Krankenversicherung behandelt werden. Sie haben oft viel verloren, aber auch etwas gewonnen: Die der Not entsprungene Erfahrung, gemeinsam mit anderen etwas Neues geschaffen zu haben, selbstbe- stimmt und in Würde. Unterstützung fanden sie bei Gruppen, die bereits länger aktiv sind, wie dem sozia- len Zentrum Mikropolis, das als unsere Partnerorgani- sation fungierte. Und es entstanden neue Allianzen, die unterschiedliche Kämpfe zusammenbringen. So waren fast alle von uns besuchten Gruppen am Wider- stand gegen den Goldtagebau in Chalkidiki beteiligt, der eine blühende Region in eine tote Schutthalde zu verwandeln droht.
Von unseren Gesprächspartner_innen wurden wir freundlich empfangen. So unterschiedlich die Menschen und Projekte, die wir getroffen haben, auch waren, eines wurde uns von fast allen mit auf den Weggegeben: Wir wollen kein Mitleid und keine Almosen von euch, aber berichtet den Menschen in Deutsch- land, was hier passiert.
Deshalb könnt Ihr unsere Eindrücke, die wir mitgebracht haben, in dieser Broschüre nachlesen.
„The future is unwritten“ – Die Zukunft ist noch ungeschrieben. Niemand kann absehen, ob Griechen- land und seine Menschen an der aktuellen Situation zerbrechen werden oder ob der Kampf der Menschen für ein besseres Leben und gegen eine falsche Poli- tik Erfolg haben wird. Doch das entscheidet sich nicht Frank Lipschik DGB-Bildungswerk e.V. (nur) in Griechenland, sondern auch in Deutschland und den anderen europäischen Staaten. Durch die Reise ist die Krise, die wir hier oft wenig spüren, dich- ter an uns herangekommen. Ebenso die Notwendig- keit zum politischen Handeln. Wir müssen unseren Beitrag zu einer europäischen Solidaritätsbewegung leisten, die nicht ein Europa der Märkte, sondern der Menschen in den Mittelpunkt stellt.
In diesem Sinne danken wir allen, die ihr Wis- sen und ihre Perspektiven mit uns geteilt haben, und wünschen Euch eine anregende Lektüre.
Jenny Zimmermann (DGB Jugend Thüringen) und Bernd Löffler Rosa (Luxemburg Stiftung Thüringen)

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