Vio.Me: „Wenn ihr nicht könnt – wir können!“ – eine Fabrik in ArbeiterInnenhand

Es ist Donnerstag, der vierte Tag unserer Bildungsreise. Das Wetter ist wunderschön. Bei  Sonnenschein und 23°C machen wir uns auf den Weg in das Industriegebiet von Thessaloniki. Schon bei unserer Ankunft ist uns aufgefallen, dass viele Gebäude leer stehen und ganze Betriebe brachliegen. Dieser Eindruck bestätigt sich. Kein Wunder bei mehr als 30% Erwerbslosigkeit. Doch unser Weg führt uns in eine Fabrik, die mit Leben erfüllt ist, auf ein ganz besonderes Fleckchen Erde in der großen kapitalistischen Verwertungsmaschine – Vio.Me.

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Was war geschehen?

Vio.Me gehörte zu einem größeren Firmenkonsortium, der Johnson-Gruppe. Als die Fabrik noch in den Händen der „EigentümerInnen“ lag, wurden dort Baustoffe und chemische Reinigungsmittel hergestellt. Wie uns die ArbeiterInnen berichteten, unterlagen sie dauerhafter Aufsicht und harten Strafen bei angeblichen Verfehlungen. Fließbandarbeit, Stress und die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, waren bestimmende Momente in ihrem Arbeitsleben. Wer einen Fehler gemacht hatte, bekam eine Abmahnung, beim zweiten Fehler erfolgte die Kündigung. Wer eine Toilettenpause brauchte, musste sich kümmern, dass die Arbeit von jemand anderem weiter gemacht wurde, die Produktion musste ja laufen.
Im Zuge der sich ausdehnenden Krise ging es dem Firmenkonsortium immer schlechter. Nun wurde Vio.Me herangezogen und sollte die Verluste wieder ausgleichen. Die Produktion wurde auf Hochtouren gebracht. Die Lager mussten noch einmal richtig voll gemacht werden. 14-Stunden-Tage waren keine Ausnahme, die Überstunden wurden natürlich nicht bezahlt.
Dann krachte das ganze Kartenhaus zusammen und Vio.Me wurde mit in den Strudel gerissen. Trotz schwarzer Zahlen und voller Auftragsbücher verkündeten die EigentümerInnen, der Betrieb sei unrentabel und schreibe rote Zahlen und müsse daher geschlossen werden.

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Seit Mai 2011 wurden den ArbeiterInnen die Löhne nicht mehr ausbezahlt. Gleichzeitig wurde ihnen aber auch bekannt, dass der Betrieb demontiert werden sollte. Um die Demontage der Produktionsmittel zu verhindern und damit die Zahlung der ausstehenden Löhne zu erzwingen, besetzten die ArbeiterInnen die Fabrik. Das Kapital kam den Lohnforderungen der ArbeiterInnen nicht nach. Auch die üblichen Wege – Gerichtsverfahren, InvestorInnensuche –, die der Kapitalismus für eine solche Situation bereit hält, blieben ohne Erfolg.
So beschlossen die ArbeiterInnen die Sache in die eigene Hand zu nehmen und gründeten einen ArbeiterInnenrat, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Sie versuchten Unterstützung für ihr Anliegen von den etablierten Organisationen der ArbeiterInnenbewegung zu erhalten, stießen dabei aber nur auf Ablehnung. Starke Unterstützung und Solidarität erhielten sie jedoch von linksradikalen und anarchistischen Gruppen. Im Zuge dessen beschlossen sie eine ArbeiterInnenkooperative zu gründen. Im Februar 2013 dann, umringt von Solidaritätsaktionen und einer großen Eröffnungsfeier,  nahmen die ArbeiterInnen die Fabrik wieder in Betrieb.
Sie erarbeiteten einen Plan und legten Folgendes fest:

• zukünftig sollen nur noch nützliche und ökologische Dinge hergestellt werden, d.h. biologisch abbaubare Reinigungsmittel wie Handseife, Waschpulver etc.
• alle sollen das gleiche Geld bekommen, von der Reinigungskraft bis zum Elektriker
• jede Entscheidung soll eine Entscheidung im Konsens sein, sodass niemand ungehört bleibt
• diese Entscheidungen werden in der für alle verpflichtenden Generalversammlung getroffen

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Probleme!?

Natürlich stehen die ArbeiterInnen vor Problemen und das sind keine einfachen. An erster Stelle steht, dass sie einen legalen Status bekommen, damit sie die Produktion ausweiten und ihre Produkte überhaupt legal verkaufen können. Dabei ist die rechtliche Situation, d.h. wem die Fabrik gehört, nach wie vor ungeklärt und wird wohl vor Gericht entschieden werden. Auch ist der derzeitige Vertrieb ihrer Produkte noch improvisiert und erfolgt über die Läden in den sozialen Zentren und besetzten Häusern. Ebenso wird Vieles im Moment noch mit Spenden finanziert.

Was bleibt…

… ist ein weiterer Beweis, dass es auch ohne KapitalistInnen geht. Wir haben Menschen erlebt, die die Sache jetzt selbst in die Hand nehmen und am eigenen Leib erfahren, dass die, die produzieren, auch die sind, die die Produktion organisieren können. Wir haben erlebt, dass die Herausbildung des dafür notwendigen Bewusstseins ein harter und langer Weg ist, aber dass das Alter dabei keine Rolle spielt. Wir haben KollegInnen erlebt, die einen ganz neuen und anderen Abschnitt in ihrem Leben beginnen, die kämpfen und  etwas Neues schaffen. Wir haben Menschen erlebt, die bewusst für ihre Interessen, für sich und ihre Klasse eintreten.
Ein unvergleichlicher Eindruck tiefer Verbundenheit mit KollegInnen und, ja auch, Genoss-Innen, die den Kampf aufgenommen haben, um sich zu wehren und ihre Würde wieder zu erlangen. Der Besuch, wie überhaupt die ganze Reise, hat tiefe Spuren in uns hinterlassen. Wir haben Empfindungen und Gefühle mitgenommen, die uns in unserem Kampf bestärken und uns Mut machen.

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Was tun?

Die KollegInnen brauchen Unterstützung! Ihr Kampf erfordert Kraft und Mut. Das braucht Solidarität. Also schickt ihnen eure Solidaritätsbekundung per Brief und Bild oder besucht sie in ihrer Fabrik. Ebenso wichtig sind aber auch Spenden, damit das Projekt leben kann.

Aufklären!

Die wichtigste Aufgabe, die sie uns mitgegeben haben, heißt aufzuklären: über die Verhältnisse in Griechenland, über die Auswirkungen der Krise auf die lohnabhängige Klasse in Griechenland, aber auch über den Widerstand, den sie leisten und nicht zuletzt über die manipulative Berichterstattung in den hiesigen bürgerlichen Medien.

Organisieren!

Wir müssen den Widerstand gegen Krise und kapitalistische Zustände auch hier organisieren: im Betrieb, an Schule und Uni, in unserer Gegend. Wir müssen Partei ergreifen für unsere KollegInnen und GenossInnen in Griechenland und anderswo. Denn sie schlagen Griechenland und meinen damit uns alle.

Schreibkollektiv H&S

Die Vio.Me-Fabrik im Internet:

www.viome.org

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