Wie herrlich es ist, aufzuwachen und festzustellen, dass man unmittelbar aufs Meer blicken kann. Am Montag, dem 28. Oktober, ist unsere Reisegruppe in Thessaloniki angekommen. Mit Spannung erkundeten wir am Vorabend beim ersten Mikropolis-Besuch die hiesigen Kneipengepflogenheiten. Später fielen wir dann recht erschöpft, aber doch voller Vorfreude auf das Kommende in den Schlaf.
„Guten Morgen Thessaloniki!“
Das Aufstehen fällt ob der Erwartung an unsere Bildungsreise leicht. Schnell sind wir aus unseren Schlafsäcken geschlüpft und nun schon als „Einkaufs-Crew“ unterwegs zu den Markthallen. Kleinigkeiten für ein erstes gemeinsames Frühstück auf der Dachterrasse sind alsbald besorgt, sodass wir die morgendliche Sonne mit Kaffee genießen können. Das Beisammensein nutzen wir für ein Plenum, um gemeinsam zu klären, was für den Tag geplant ist und dafür entsprechende Absprachen zu treffen.
Gegen 11 Uhr sind wir mit unserer Reisebegleitung am verabredeten Treffpunkt. Unser Stadtrundgang mit Eindrücken zur anarchistischen Bewegungsgeschichte Thessalonikis beginnt auf dem Aristoteles-Boulevard in der Nähe der Promenade. Auf dem zentralen Platz fanden am Vortag die Festivitäten zum Nationalfeiertag statt – nun wird aufgeräumt: Der dafür ausgelegte Fußballrasen wird zusammengerollt, dennoch spielen einige Kinder freudig weiter. Wir schlendern über den Platz, ein Heer von Tauben wird von uns aufgescheucht, die ersten Straßenhunde werden gesichtet, zahlreiche Menschen sind unterwegs. Thessaloniki ist nach Athen die zweitgrößte Stadt Griechenlands. Im Großraum leben etwa eine Million Menschen. Es entsteht ein lebhafter Eindruck des innerstädtischen Lebens.
Sogleich gibt unsere Reisebegleitung, heute auch Stadtführer, uns Anhaltspunkte zur Orientierung: Richtung Süden sehen wir das Meer mit der Promenade, die einerseits zum Hafen und andererseits zum Wahrzeichen der Stadt, dem „Weißen Turm“, führt. Der „Weiße Turm“ ist auf nahezu allen erhältlichen Postkarten der Stadt abgebildet und hat eine lange Geschichte. In früher osmanischer Zeit errichtet, hatte er schon viele Funktionen inne: Nahrungsmittel- und Waffenlager, Wetterstation, Knast („Blutturm“ genannt) – heute beherbergt er ein Museum zur Stadtgeschichte. Richtung Norden sehen wir den sich erstreckenden Aristoteles-Boulevard, dieser führt bis zur Agora, darüber hinaus gelangt man in die Altstadt und zur alten Stadtmauer.

Während wir nun von Süden nach Norden entlang der prächtigen, hohen Häuserwände blicken, welche mit allerhand Balkonen bestückt sind, erzählt unser Stadtführer vom großen Brand, der 1917 östlich und westlich vom Boulevard wütete. In einer Ausdehnung von etwa einem Quadratkilometer brach ein Großbrand aus, der fast das ganze südliche Stadtzentrum zerstörte – vor allem das jüdische Viertel, das dort angesiedelt war. In Thessaloniki existierte bis zur deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg die größte jüdische Gemeinde Griechenlands. Etwa 60.000 Jüdinnen und Juden wurden dann zwangsinterniert, deportiert und in Konzentrationslagern in Zentraleuropa ermordet. Heute erinnert ein sehr kleines jüdisches Museum, das in einer Seitenstraße liegt, an die Gemeinde. Dieses Museum werden wir am kommenden Tag besuchen.
Unser Weg führt uns weiter in nördliche Richtung, bis wir links in die „Irakliou“-Straße einbiegen, um die Markthallen Thessalonikis zu erreichen. Leider fehlt uns die Zeit alles zu erkunden, doch das duftende Obst und die eingelegten Oliven helfen darüber hinweg – Wegproviant wird ergattert. Frischer Fisch liegt zuckend auf Eis in den Auslagen, auch die gerade erst zerteilten Fleischstücke erwecken nicht bei allen frohe Mienen, sodass sich wohl einige freuen, dass es alsbald weitergeht durch das bunte und laute Gewimmel.
Reaktionen auf die Krise und deutsche Bewältigungsstrategien
Weiter geht es durch die Straßen in Richtung Altstadt und wir bemerken, dass einige Ladenflächen leer stehen. Wie bereits vermutet, ist dies eine direkte Auswirkung der Krise in Griechenland. Vor allem die Kleinhändler*innen konnten sich die Mieten für die Ladenflächen nicht mehr leisten und mussten schließen – der Leerstand ist nicht zu übersehen. Daneben fällt jedoch auch auf, dass es viele neue Bars und Tavernen gibt – so verändert sich die Stadt.

Es herrscht reges Treiben auf den Straßen. Ein Mitreisender entdeckt unterwegs einen kleinen Straßenstand mit Holzwaren. Er guckt sich eine Zwille aus, während der ältere Herr, der seine Waren hier feilbietet, erkennt, dass wir wohl aus Deutschland kommen. Er erkundigt sich bei unserem Stadtführer und Übersetzer, warum wir nach Griechenland gekommen sind und ein freundliches Gespräch entspinnt sich. Nachdem wir ihm unser Reise-Motto „Solidarität und Selbstorganisation“ kurz umrissen haben, gibt er uns mit auf den Weg, Angela Merkel auszurichten, dass sie die Leute hier in Ruhe lassen solle. Der ältere Herr und seine umstehenden Bekannten sind dabei etwas erregt. Uns wünschen sie aber neben all der Politik, von welcher wir uns nicht allzu sehr stressen lassen sollen, eine wunderbare Reise. Wir freuen uns über den netten Austausch und ahnen schon, dass wir als „Deutsche“ öfter erkannt und angesprochen werden.
Nun verlassen wir das Marktviertel mit seinen urigen Passagen und gelangen ans nördliche Ende des Boulevards, das durch die Querung der „Egnatia“, einer großen Straße, bezeichnet wird. Es ist viel Verkehr – Taxis, Busse, LKWs und PKWs sind unterwegs. Der Stadtführer erläutert uns, dass dies in früherer Zeit einer der zentralen Handelswege war, von welchen Thessaloniki profitierte. Oberhalb der Straße befindet sich ein großer Platz mit Park, heutzutage ein beliebter Startpunkt für Demonstrationen. Auf dem Platz fällt zunächst eine kleine Kirche auf, die unterhalb des Niveaus des restlichen Platzes liegt. Die Stadt wachse auf dem Bauschutt vieler Jahre, wird uns erzählt, weshalb vor allem manche ältere Bauwerke tiefer liegen. Die Erklärung bestätigend treffen wir auf eine Ausgrabungsstätte, welche eine antike Agora offenlegt. Von oben blicken wir in das Areal, das zu früherer Zeit als Marktplatz, aber auch als Versammlungsort für seine Bürger*innen diente und damit eine wichtige gesellschaftliche Rolle einnahm. Als in den 1970er-Jahren hier ein Gerichtsgebäude errichtet werden sollte, wurden die Ruinen gefunden und freigelegt. Nun liegt sie zu Füßen des „Arbeiterzentrums“ (Gewerkschaftshaus), das nördlich von ihr mit einem riesigen Plakat auf sich aufmerksam macht.
Erste Begegnungen mit griechischen Gewerkschaftsvertretern
Auf dem Plakat steht in etwa „Rote Karte für alle Produkte von Coca Cola, bis wieder in Thessaloniki produziert wird – Nein zu bulgarischer Coca Cola!“ Unsere Reisebegleitung erklärt, dass der Coca Cola-Standort in Thessaloniki gerade geschlossen und nach Bulgarien verlegt wird (siehe S. 36ff.) und merkt in Bezug auf die Formulierung „bulgarische Coca Cola“ an, dass auch in der griechischen Linken häufig patriotisch bzw. nationalistisch argumentiert werde. Während einige Reisemitglieder in das Gewerkschaftshaus gehen, um Kontakt mit den hiesigen Gewerkschaften aufzunehmen, sitzen andere vor dem Haus in der Sonne und machen Pause. Dabei entwickelt sich ein etwas wirres Gespräch mit einem Passanten. Als dieser hört, dass wir aus Deutschland kommen, spuckt er vor uns auf den Boden. „Greece is a colony of Germany“, ist seine Einschätzung der aktuellen europäischen Krisenpolitik – „We must fight the German state!“. Als einige erklären, dass die Gruppe u.a. aus Anarchos, Gewerkschafter*innen, Antifaschist*innen besteht, winkt er ab: „We need actions, not words!“ Der Rest der Gruppe ist inzwischen wieder aus dem Gewerkschaftshaus gekommen. Der kurze Besuch war ein Erfolg: Unsere Reisegruppe ist zu einem Treffen aller nordgriechischen Arbeiterzentren zur Planung des Generalstreiks am 06.11.13 eingeladen und außerdem zu einem Treffen mit dem Vorsitzenden des hiesigen Gewerkschaftszentrums. So wird unser ohnehin schon volles Programm noch voller – wir haben uns wirklich einiges vorgenommen (siehe S. 15ff.)!

Aber vorerst geht es weiter den Hügel hinauf, wir nähern uns langsam der Altstadt Thessalonikis. Dabei werden wir auf das „Terra Incognita“ aufmerksam gemacht. Das besetzte Haus fungiert in der anarchistischen und autonomen Szene als Polit-Zentrum. Leider sind die Rollläden heruntergelassen, Aufkleber und Graffiti zeugen vom soziokulturellen Hintergrund. Es ist zu bemerken, dass das Straßen- und Stadtbild Thessalonikis im Allgemeinen stark geprägt ist von allerhand „Street Art“ verschiedenster Art: einerseits klare politische Parolen und Symboliken, andererseits auch künstlerisches Gestalten. Die Stadt wirkt vielleicht deshalb so lebendig, weil sich der politische Kampf in den Straßen in Form von „Streetart“ materialisiert? Vor allem in den zum Teil engen Gassen der Altstadt, oberhalb der Straße „Olympiados“, begegnet uns dies vermehrt.
Die Altstadt: Niederschlag der Bewegungsgeschichte
Bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein war die Altstadt ein türkisches Viertel. Nach dem Balkankrieg fand 1922 ein Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei statt, sodass in der Altstadt viele griechische Flüchtlinge aus Kleinasien angesiedelt wurden. Das Viertel war danach vor allem durch ein Arbeitermilieu geprägt. Unsere Reisebegleitung erzählt vom „Viertel des Widerstands“, während der Besatzung im 2. Weltkrieg hatten Menschen hier die Möglichkeit, sich vor staatlichem Zugriff zu schützen. Im Jahr 1936 war das Viertel sogar einige Tage lang anlässlich eines wilden Streiks von Tabakarbeiter*innen in Arbeiterhand, bis der bewaffnete Aufstand blutig niedergeschlagen wurde. Heute zeugt oberflächlich nichts mehr davon, es scheint vor allem eine ruhige Wohngegend zu sein. Dieser Eindruck wird mit dem Erfahrungsbericht unserer Reisebegleitung konfrontiert, als wir an einem kleinen zerfallenen Haus mir verwildertem Grundstück vorbeikommen. In den 1990er Jahren fanden in der Altstadt erhebliche Auseinandersetzungen um die Aufwertung bzw. Instandhaltung des alten Viertels statt. Unter anderem durch Hausbesetzungen wurde versucht, den Charakter des Viertels zu bewahren und stadtteilpolitisch Einfluss zu nehmen, doch die Anstrengungen scheiterten. Viele Häuser wurden abgerissen: Die Hauseigentümer*innen investierten mit Hilfe der Stadt in Neubauten, sodass mehrstöckige Wohnhäuser entstanden. Nur an wenigen Stellen ist in den Straßen zu erkennen, was einmal war. An allerlei Ecken erinnert sich unsere Reisebegleitung an ehemalige Besetzungen, Menschen und Erlebnisse. Bedrückt gehen wir weiter und zeichnen uns ein Bild von kleinen einstöckigen Bauten, um die sich bunte Gärten winden.

Ein weiterer bitterer Eindruck ereilt uns an der Stadtmauer. An diese hatten griechische Flüchtlinge nach dem Bevölkerungsaustausch Häuser gebaut. Seit Jahren ist nun ein Prozess im Gange, der alle Bebauung in unmittelbarer Nähe zur Stadtmauer zu Gunsten eines tourismusfreundlicheren Eindrucks abreißen lässt. Hier bestehen wohl noch einige individuelle Besetzungen, um den Abriss zu verhindern und günstig zu leben. In einzelnen Ruinen umgeben von Schutt und Gestrüpp entdecken wir eine Besetzung durch Roma. Lange werden sie hier sicherlich nicht mehr leben dürfen – in diesen schrecklichen Ruinen.
Auf Seiten der Stadtmauer die konkreten Auswirkungen von ökonomischer und sozialer Unterdrückung erkennend, wenden wir uns nun dem Panorama zu, welches sich mit Blick aufs Meer über die Stadt ergibt. Die Sonne scheint, in kleinen Grundstücken blühen Blumen, aufgeplatzte Granatäpfel schimmern in ihrer Reife und Straßenkatzen strecken ihre Glieder genussvoll von sich. Wir gehen einige Treppen hinab in die Stadt, vorbei an diesen paradiesischen (umzäunten!) Gärten und beenden unseren Rundgang vor dem Gebäude einer Stadtteilbibliothek, ein ehemals besetztes Haus, das Ende der 1990er Jahre geräumt wurde. Der Stadtrundgang hat uns auch eine Geschichte des Scheiterns sozialer Bewegungen und politischen Kampfes aufgezeigt. Anlässlich der Eindrücke der nächsten Tage und der verheerenden Krisenauswirkungen fragen wir uns: Kann es noch dringender werden die Veränderung zu erreichen? Die kommenden Tage werden zeigen: Der Kampf geht weiter!
Franzie & Lisa