Es ist Samstag und wir sitzen in einem Café im Dorf Megali Panagia. Die Leute tragen schwarze Kapuzenpullis, auf denen mit weißen Buchstaben S.O.S. ΧΑΛΚΙΔΙΚΗ steht und noch einige Worte mehr. Was soll das denn heißen…?
An den vorangegangen Tagen haben wir schon ein wenig über Halkidiki gehört. Halkidiki ist eine Halbinsel auf dem griechischen Festland, knapp 100 km von Thessaloniki entfernt. Berühmt und beliebt ist die Region bei Bewohner*innen und Tourist*innen für seine unvergleichliche Landschaft aus Wäldern und Bergen, Meer und Stränden, mit denen auf zahlreichen Postkarten für dieses Urlaubsziel geworben wird. Doch nun gefährdet der geplante Goldabbau die gesamte Gegend. Dagegen protestierende Aktivist*innen und Umweltschützer*innen werden mit massiven staatlichen Repressionswellen drangsaliert. Chalkidiki scheint so etwas wie „das griechische Wendland“ zu sein. Eine konkrete Vorstellung, was das bedeutet, haben wir jedoch noch nicht.
Das Gold geht – Zerstörung bleibt
Im Dorf Megali Panagia treffen wir Irini [Name geändert]. Sie engagiert sich in der Kampagne S.O.S. CHALKIDIKI. Megali Panagia ist eines von 14 Dörfern der Gemeinde Aristoteles, das vom schleichend vorangetriebenen Goldabbau der Region Skouries betroffen ist. Ein Berg ist die Szenerie für eine perfide Umgangsweise mit Mensch, Tier und Natur; er liegt nur 3 km vom Dorf entfernt in einer bewaldeten Region. Metallische Bodenschätze sind hier reichlich vorhanden (Zink, Blei, Mangan, Kupfer, Silber und eben Gold), was die Region schon zur Zeit Alexanders des Großen im 4. Jahrhundert v.u.Z. zu einer Bergbauregion machte. Bisher spielte die griechische Goldförderung innerhalb Europas nur eine geringe Rolle. Doch was nach Jahrhunderten des Goldschürfens in Minen jetzt geplant ist, erreicht eine völlig neue Dimension: Ab sofort soll der Goldabbau nicht mehr nur in Minen, sondern auch über Tage unter massivem Einsatz von Chemie erfolgen. Der Goldminenbetreiber Hellas Gold möchte Griechenland bis 2015 zum größten Goldproduzenten Europas werden lassen. Allein in der Region Skouries soll die Tagebaumine einen Durchmesser von 700 Metern, eine Tiefe von 200 Metern und unter Tage sogar 770 Meter Tiefe haben.
Um Gold zu finden, werden hier 150 Millionen Tonnen Erde ausgehoben. In einer Tonne Erdaushub steckt weniger als 1 Gramm Gold! Der erwartete Gewinn aus den vorhandenen Goldvorkommen wird auf 15 bis 20 Milliarden Euro geschätzt.
Um Gold überhaupt aus dem Gestein herauslösen zu können, ist viel Wasser und Chemie nötig.
Hellas Gold behauptet, dass das Gold mit einem umweltfreundlichen Schwebeschmelzverfahren gewonnen werden wird, für das kein Zyanid notwendig ist. Dabei handelt es sich allerdings um ein Verfahren, das für die Goldgewinnung noch gar nicht erprobt wurde. Der toxische Schlamm und Müll (u.a. Arsen, Zyanid, Quecksilber), der bei der Auswaschung in den bisher üblichen Verfahren ensteht, muss danach irgendwo entsorgt werden. Die Aktivist*innen gehen davon aus, dass der Giftschlamm einfach in den angrenzenden Tälern in einem Staubecken gelagert werden soll. Ob sich die Betreiber*innen auch daran erinnern, dass im Jahr 2000 in Rumänien genau so ein Damm einer Golderz-Aufbereitungsanlage brach, dabei Unmengen von Giften und Schwermetallschlamm in angrenzende Flüsse und schließlich in die Donau gelangten und damit eine riesige Umweltkatastrophe verursachten?
Hellas Gold lässt bereits fleißig bauen; in zwei angrenzenden Dörfern gibt es mittlerweile Niederlassungen und einen Fuhrpark – schließlich soll hier auf dem (ehemals) bewaldeten Berg eine Fläche von 31.700 Hektar (317 km) ganz dem Profit mit dem Gold-Tagebau dienen.
Was den Anwohner*innen längst klar ist, stößt bei Politiker*innen auf taube Ohren: Die vorhersehbaren Risiken für die Umwelt sind weitaus größer als die Vorteile, die der Tagebau angeblich für die Wirtschaft der Region bieten soll.
Der Widerstand beginnt
Diese Entwicklungen blieben und bleiben nicht ohne Protest. Der Widerstand in der betroffenen Gemeinde Aristoteles begann 2006, als Hellas Gold den Antrag auf offenen Tagebau stellte. Engagierte Dorfbewohner*innen gründeten eine erste Bürgerinitiative, die “Initiative gegen Gesundheitsschädlichkeit”, verbreiteten die Nachricht der Gründung und hielten eine erste öffentliche Großdemonstration mit 800 Teilnehmenden ab. In ihrem „Nein!“ zum Goldabbau sind sich die Dorfbewohner*innen einig. Selbst die Bergbauarbeiter wissen mittlerweile um die Risiken: der Goldabbau zerstört nicht nur massiv die Umwelt, sondern führt bei den Minenarbeitern zu schwerwiegenden Gesundheitsproblemen, Lungenkrankheiten, Arbeitsunfällen. Angeblich liegen in jedem Haus Sauerstoffflaschen, weil der Abbau so gesundheitsschädlich ist. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Minenarbeiters liegt bei 56 Jahren. Irini bringt es auf den Punkt: „Es reicht!“

Von hier aus verbreitete sich der Widerstand in ganz Griechenland, es gab Kundgebungen, Infoveranstaltungen und Demonstrationen. Außerdem gründete sich in den Dörfern rund um das geplante Goldabbaugebiet in Halkidiki ein Kampfkommittee. Die Organisierung läuft gleichberechtigt, mit einer horizontalen Entscheidungsfindung.
Diese gut organisierten Dorf-bewohner*innen verhinderten 2009 mit ihrem Protest die Versuche der Baufirma, erste Erdbohrungen auf dem Berg vorzunehmen. Von da an wurden sowohl die Fahrzeuge als auch der Wald jeden Tag rund um die Uhr von den Aktivist*innen bewacht. Dazu errichteten sie ein Zeltcamp und bauten eine feste Schutzhütte. Neben Protesten fanden wöchentliche Vollversammlungen statt und Selbstorganisation und Netzwerkebilden waren an der Tagesordnung. Zu dieser Zeit führten noch schmale Waldwege auf den Berg, von Abholzung, Straßen und Baufahrzeugen keine Spur.
Im Frühjahr 2013 brach der Protest erneut los: Es gab nächtliche Angriffe auf die Baustelle, Baufahrzeuge brannten ab und es kam zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Bergarbeitern von Hellas Gold und den Aktivist*innen, bei denen Menschen verletzt und die Schutzhütte der Aktivist*innen zerstört wurde. In den folgenden Tagen und Wochen wurde das Bürgermeisteramt im Dorf Ierissos besetzt, es gab weitere Demos hinauf zum Berg und erste Kämpfe mit der Polizei. Der Versuch der Aktivist*innen, den Berg wieder zu erlangen, wurde mit Tränengas und Blendgeschossen niedergeschlagen. Seit diesen Konfrontationen im Frühjahr 2013 forciert Hellas Gold seine Bauvorhaben und die Arbeiter haben den Berg fest im Griff.

All die Angriffe blieben nicht ohne Folgen. Sie dienten als Vorwand, um die Menschen der gesamten Region als terroristisch einzustufen und eine Repressionswelle loszubrechen: unzählige DNA-Proben, zahlreiche Festnahmen und Anklagen wegen Gründung oder Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, wegen Beteiligung an Demonstrationen usw. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es in der Summe 218 Anklagen und vier Menschen sitzen in Untersuchungshaft. Ein Wunder, wenn hier noch jemand den Überblick über das Klagenaufkommen und die Kosten behält. Und trotzdem den Mut und die Kraft hat, weiterzukämpfen.
Auf dem Berg
Nach dem Gespräch mit Irini sind wir bewegt und beeindruckt, aber auch nervös, als es heißt, dass wir gleich auf den Berg fahren werden, um uns selbst ein Bild der Situation vor Ort zu machen. Nervös, weil nicht klar ist, wer oder was uns dort erwartet. Wird es Polizeikon-trollen geben? Haben wir alle einen Ausweis dabei? Werden sie uns überhaupt durch das Gebiet gehen lassen? Auf der Fahrt dahin sehen wir mehrere Graffitis: „Nein zum Gold!“ oder „Trink Ouzo. Vergiss die Krise.“ Wir schlängeln uns mit dem Reisebus ca. 8 km hinauf. Der ganze Wald (oder was davon entlang der gebauten Straßen übrig geblieben ist) ist grau von Baudreck und – staub, der sich schon seit Monaten auf den Blättern absetzt. Dort, wo wir jetzt fahren, kam es vor einem Jahr auf Waldwegen zu Demos, Straßenschlachten und Polizeiangriffen auf die Dorfbewohner*innen. Derzeit finden mit Straßenbau und Waldrodung die Vorarbeiten für den Goldabbau statt; aus staatlichen Mitteln finanziert und unter penibler Überwachung des Baugeländes durch Securityangestellte. Die gesamte Strecke ist also eine öffentliche Straße, dennoch verfolgt uns für die nächsten zwei Stunden ein Wagen, wir werden beobachtet und abgefilmt.
Soweit das Auge reicht, riesige Brachflächen, Fahrstrecken und Baufahrzeuge – solche Bilder auf Postkarten von Halkidiki lassen sich nicht verkaufen. Überall stehen Beschäftigte von privaten Sicherheitsfirmen, die das Gelände bewachen. Dass wir irgendwann nicht weiter kommen, machen uns die Securities, die Absperrungen und das Schild „Privatgrundstück. Betreten verboten” klar.
Ein zweiter Einblick
Wir fahren weiter in das Küstendorf Ierissos und machen Mittagspause. Von der netten Imbissverkäuferin erhalten wir nicht nur gefüllte Pitabrote, sondern ganz nebenbei die Information, dass auch sie von den staatlichen Verfolgungen um Halkidiki betroffen ist. So langsam bekommen wir eine Vorstellung davon, welche Ausmaße die Repressionswelle annimmt.
Nach der Mittagspause sind wir in einem Café mit aktiven Dorfbewohner*innen von Ierissos verabredet. Als wir durch die Fensterscheiben des Cafés nach drinnen blicken, sehen wir wieder viele bunte Pullover und eine Botschaft: S.O.S. ΧΑΛΚΙΔΙΚΗ. Hier sind wir richtig! Bei heißen Getränken und Knabbereien kommen wir ins Gespräch. Es ist eine gemütliche Kaffeerunde mit vorwiegend älteren Damen. Und sie sollen alle Teil einer terroristischen Vereinigung sein? Sie erzählen von ihren regelmäßigen Treffen, auf der alle Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Im Gespräch wird deutlich, dass die Aktivist*innen die Verantwortung für die derzeitige Situation bei den (Lokal-)Politiker*innen sehen, doch auch diese seien – wie Bürgermeister Pachtas exemplarisch zeige – durch Korruption belastet. Als wir die Aktivist*innen zu ihren Erfahrungen mit den Medien befragen, berichten sie uns, dass das Interesse insbesondere der großen Medien zunächst gering war. Doch mittlerweile haben sie gute Kontakte zu ERT – dem über Nacht geschlossenen Staatsfernsehen, das von den Mitarbeiter*innen besetzt wurde und weitersendet (siehe Seite 45ff.). Chalkidiki ist seitdem kontinuierlich Thema in der Berichterstattung, es gibt jetzt wahrheitsgemäße Berichte, gegenseitige Hilfe und Solidarität. Nicht alle, die mit uns im Café sitzen, waren vorher politisch aktiv. Doch der gemeinsame Kampf, die Erfahrungen mit einer unkritischen Presse, korrupten Politiker*innen und brutalen Polizeieinheiten haben die Menschen politisiert und zusammengeschweißt.
Nach all diesen Ausführungen wird man den Vergleich zur Goldgräberstimmung in Nordamerika nicht los. Die von der Troika herbeigeführte politische und soziale Lage in Griechenland ist ein „El Dorado“ für Konzerne außerhalb Griechenlands: mit wenig Aufwand und geringem Einsatz von Kapital maximalen Profit. Der Mensch, welcher bei allem zuerst kommen sollte, spielt hier die letzte Geige.
Abschließend sprechen wir lange darüber, was wir Zuhause tun können, um die Menschen und Kämpfe in Chalkidiki zu unterstützen: Aufklärung und Informationsverbreitung, Vernetzung mit bereits bestehenden Soligruppen oder die Beteiligung an Solidaritätsaktionen wie den weltweiten Aktionstag am 9. November. Und unsere Gesprächspartner*innen schlagen vor, ob sich nicht auch Geistes- und Kulturwissenschaftler*innen motivieren lassen, aktiv zu werden, schließlich liege der Geburtsort von Aristoteles, dem die Gemeinde ihren Namen verdankt, nur 15 km entfernt. Der dringlichste Wunsch der Aktiven an uns war, die Menschen in Deutschland über die tatsächlichen Zustände in Griechenland zu informieren und somit das medial verzerrte Bild über “die Griech*innen” ein Stück gerade zu rücken.
„Wo ihr geht und steht: Informiert die Menschen in Deutschland über unsere Situation!”
Nach dem bewegenden Gespräch bleibt ein Teil der Gruppe noch zum Adressenaustausch im Café, ein anderer Teil folgt den älteren Damen ins Vereinshaus und kommt freudestrahlend wieder raus – gehüllt in einen eben erworbenen Pullover, auf dem in leuchtend weißen Buchstaben steht: S.O.S. ΧΑΛΚΙΔΙΚΗ und darunter noch einige Worte mehr. Wir tragen den Pulli, und mit ihm tragen wir eine Botschaft nach Hause. Es sind Informationen und Hintergründe um (griechische) Wirtschaftsinteressen, Krise und Korruption auf der einen Seite und den solidarischen Kampf um die Umwelt und gegen Repression auf der anderen Seite. Leuten, die uns später fragen: „Hä, was steht‘n auf deinem Pulli?“, können wir antworten: „Da steht S.O.S. Chalkidiki – Nein zum Goldabbau!” und haben nun eine Vorstellung davon, was wir zu Chalkidiki erzählen können.
Kristin & Christian
Mehr Informationen:
www.soshalkidiki.wordpress.com
www.soshalkidiki.gr
SOS HALKIDIKI-Magazin in englischer Sprache:
http://issuu.com/soshalkidikisintfor/docs/soshalkidiki_01_en/3?e=7172202/1764616
Lesenswerter Artikel: „Land in Flammen“ von Alexandros Stefanidis und Ferry Batzoglou, SZ Magazin 15/2013: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39803/Land-in-Flammen