Das Mikropolis, ein sozialpolitisch-kulturelles Zentrum in der Innenstadt Thessalonikis, wird von fünf Kollektiven gestaltet. Neben dem Direkt-Vermarktungsladen Sintrofia gibt es eine Kinderbetreuung, einen Copyshop, eine linke Bibliothek mit kleinem Bücherladen und das Küchenkollektiv, welches in der Kneipe des Mikropolis mittags und abends mehrere Gerichte sehr preiswert anbietet. Alle diese selbstverwalteten Kollektive bestehen aus jeweils größeren Kreisen von Aktivist*innen. Aus ihrem Kreis beschäftigen sie für den täglichen Betrieb jeweils bis zu sechs Angestellte. Rotierend werden alle zwei Monate zwei der Beschäftigten ausgetauscht. Das gewährleistet zum einen Kontinuität im täglichen Ablauf, zum anderen werden mehr Beteiligte, zumindest vorübergehend, von ökonomischem Druck entlastet. Da sich die fünf Kollektive trotz Bemühung um Einnahmen nicht selbstständig tragen, betreiben sie gemeinsam die Kneipe, womit quasi das ganze Mikropolis inklusive der Löhne der in den Kollektiven Beschäftigten finanziert wird. In der, recht großen, Kneipe finden sehr oft Konzerte statt, in der Regel kostenfrei. Einmal wöchentlich treffen sich alle Kollektive zum großen gemeinsamen Plenum.
Das Mikropolis versteht sich als eingebettet in das Netz der selbstverwalteten Bewegungen und Kollektive in Thessaloniki und seiner Umgebung. In diesem Sinne spenden sie einen Teil ihrer Einnahmen an die Bürgerinitiativen in Chalkidiki (siehe S. 49ff.). Außerdem gibt es unter dem Dach des Mikropolis noch eine Tierstation für die Behandlung verletzter Tiere. Tierärzt*innen, Studierende und andere Interessierte kümmern sich hier ehrenamtlich um verletzte Tiere, die zu ihnen gebracht werden. Zumeist handelt es sich dabei um verletzte Wildvögel.

Nun möchten wir etwas genauer Sintrofia vorstellen, das selbstverwaltete Direkt-Vermarktungskollektiv. Es arbeitet seit etwa fünf Jahren und funktioniert wie oben beschrieben. Der Bioladen ist täglich von 12 bis 20 Uhr geöffnet und die Einnahmen reichen für das Einkommen von vier Personen. Es werden vor allem Produkte kleiner Produzent*innen abgekauft und versucht, neue Handelsbeziehungen möglichst ohne weitere Zwischenhändler*innen zu knüpfen. Da die Qualität der angebotenen Waren oft besser als im Supermarkt ist, besucht eine breitere Kundschaft den Bioladen. Hier gibt es auch Produkte der besetzten und selbstverwalteten Fabrik Vio.Me.
Zum Hintergrund: Griechische Verbraucher*innen verfügen durchschnittlich nur noch über ca. zwei Drittel ihres Einkommens von vor 2010. Der Mindestlohn liegt derzeit bei 480€. Die Arbeitslosigkeit ist enorm hoch. Soziale Unterstützung, vergleichbar dem deutschen Hartz IV (SGB II), gibt es nur für wenige Monate. Gleichzeitig stiegen insbesondere die Lebensmittelpreise. Seit Krisenbeginn geht eine junge Generation von Enkel*innen zurück auf den ländlichen Familienbesitz und betreibt wieder Landwirtschaft. Bewirtschafteten 2008 noch 8% der griechischen Bevölkerung Land, waren es 2009 schon 10%. Ca. 80% dieser Rückkehrer*innen betreiben Ökolandwirtschaft. Jedoch haben Konsument*innen kein Geld für teure Produkte. Viele dieser neuen Landwirt*innen versuchen nun, direkt an Kund*innen zu verkaufen und den teuren Zwischenhandel zu umgehen.
Sintrofia ist Teil eines aus ca. 50 Gruppen bestehenden regionalen Open Network for direct Distribution. Dies ist kein explizit politisches Netzwerk. In ihm sind jedoch auch Soli- bzw. Politgruppen aktiv, die versuchen gute und preiswerte Lebensmittel unter die Bevölkerung zu bringen. Ihnen ist wichtig, dass Menschen die von der Politik verlassenen gesellschaftlichen Räume besetzen und selbst gestalten. Direktvermarktung an sich findet inzwischen, wie auch wir fast täglich sehen konnten, großen Nachhall in der Bevölkerung, aber auch bei Stadtverwaltungen. Letztere unterstützen teils mit Räumen, teils mit Geld solche Initiativen.

Ziel von Kollektiven wie Sintrofia ist es aber, dass sich Produzent*innen und Kund*innen an der Gestaltung der Handelsbeziehungen und der Qualitätskontrolle direkt beteiligen. Es geht ihnen nicht um Absicherung von Dienstleistungen, sondern um bessere Formen des Austausches – auch über die Frage der Selbsthilfe in Krisenzeiten hinaus. Starten viele Menschen diese Arbeit anfangs aus eher unpolitischen Beweggründen, kommen sie folgerichtig dann zu konkreten Fragen, wie z.B. Entscheidungen getroffen werden sollen und was direkte Demokratie sein kann. Die Parteien-Linke, z.B. SYRIZA, praktiziert Reale Demokratie (Parlamentarische Parteiendemokratie, Abstimmungsmehrheiten etc.), das Mikropolis und Sintrofia hingegen praktizieren Direkte Demokratie (Basisentscheidungen, Konsensfindung). In diesem Kontext fragten sich zehn Menschen, die sich vorher nicht kannten und in Thessaloniki eine Nudelproduktion auf die Beine stellen wollten, wie sie sich ökonomisch strukturieren sollten. Die Lösung war für sie eine Genossenschaftsgründung, ein durchaus alternativer Ansatz sozialer und ökonomischer Vergesellschaftung.

Armenspeisungen werden wiederum auch durch Stadtverwaltungen, die Kirche und auch durch Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte, neonazistische Partei, im Folgenden CA) durchgeführt. Der griechischen Regierung ist es wichtig, die inzwischen schon revolutionäre Unzufriedenheit der Menschen über Armenspeisungen zu kanalisieren, auch durch CA. Diese kopierte dafür Aktionsansätze linker anarchistischer Bewegungen und pfropfte nationalistische Propaganda auf: Lebensmittel nur für Griechen! Parlamentarier*innen spendeten Geld für Armenspeisungen an Griech*innen. Der Zustrom zum Essen umsonst ist, bedingt durch die ökonomische Lage vieler Griech*innen, riesig, egal von wem es angeboten wird. Allerdings wird insbesondere CA dabei mit großen Protestbewegungen konfrontiert, so dass unter starkem Polizeischutz dann nur wenige die Speisung annehmen. Konservative Massenmedien wiederum argumentieren dann plakativ, dass böse Linke Armenspeisungen verhindern, z.T. in Form von Massenpropaganda in den Hauptnachrichten.
Ziel des Kollektivs Sintrofia im Sinne direkter Demokratie ist die möglichst unmittelbare Kontrolle von Produktionsbedingungen, verbunden mit der fairen Verteilung von Lebensmitteln. Deshalb ist das Kollektiv auch an europäischen Kontakten und Netzwerkarbeit zum Erfahrungsaustausch interessiert!
Sylvia, Thomas, Jan
Das Mikropolis im Internet:
micropolis-socialspace.blogspot.de