Im Clinch mit dem Großkapital – Der Streik bei der Abfüllanlage von Coca Cola

Griechische Gewerkschafter legen sich mit der Coca Cola Hellenic Bottling Company an

„Ah, ihr sprecht Deutsch? Woher seid ihr?“ – Während wir am Dienstagabend noch etwas unschlüssig auf den Beginn der regionalen Konferenz zur Vorbereitung des 36. Generalstreiks im Konferenzsaal des Arbeiterzentrums warten, spricht uns ein griechischer Kollege auf Deutsch an und will wissen, was uns denn hierher verschlagen habe. Es ist Omiros Tachmazidis, der eine Zeit lang in Deutschland gelebt hat und in Thessaloniki als Journalist arbeitet. Wir berichten, warum wir hier sind und erzählen ihm von unserem Ziel, uns mit Kollegen der griechischen Gewerkschaften auszutauschen und etwas über ihre Situation zu erfahren. Omiros schaltet schnell: „Wartet mal kurz. Vielleicht kann ich euch da jemanden vorstellen“, sagt er und eilt zum anderen Ende der Halle. Er kommt zurück mit drei Kollegen, die offenbar in den Streik bei Coca Cola involviert sind, von dem wir bereits gehört hatten. Etwas überrumpelt schütteln wir Hände, lächeln, stellen uns vor – verstehen aber kein Wort der drei, Omiros muss dolmetschen. Ob wir nicht später kurz mit in ihr Büro kommen wollen, um uns über ihre Kampagne zu informieren, möchten sie wissen. Wir sagen zu und freuen uns, nun auch einmal mit Aktiven der gewerkschaftlichen Basis sprechen zu können. Zum Treffen mit dem Kollektiv im Mikropolis müssen wir dann wohl oder übel später dazu stoßen.

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Seit September im Streik

Das Büro der „Autonomen Demokratischen Arbeiter-Gewerkschaft“, die in Thessaloniki offenbar den Streik organisiert, liegt unweit vom „Arbeiterzentrum“ entfernt. Sie gehört zur P.O.E.E.P., zu Deutsch „Griechischer Gewerkschaftsbund der Beschäftigten in der Getränkeindustrie“. Überall stehen Kartons mit Kampagnenmaterial, an den Wänden hängen Fotos, Banner und Wimpel anderer Gewerkschaften. Man hat uns angekündigt, wir werden herzlich empfangen und mit Getränken versorgt. Wir treffen Vasilis Artemiou, der den Streik maßgeblich leitet und der uns in den Besprechungsraum einlädt, um uns von seiner Arbeit zu berichten. Er nimmt sich Zeit und ist bemüht, uns das Anliegen der Kampagne gegen Coca Cola näher zu bringen. Dabei ist er locker und macht ein paar Scherze, aber trotzdem ist spürbar: Hier geht es um etwas, der Mann meint es ernst.
Seit dem 30. September 2013 sind eine Handvoll Arbeiter einer Coca Cola-Abfüllanlage im Norden der Stadt nun im Streik, weil 24 von ihnen direkt am Arbeitsplatz mitgeteilt wurde, dass sie entlassen seien. Das haben sie nicht hingenommen – auch, weil das griechische Gesetz eine behördliche Anerkennung der Entlassungen fordert, die gar nicht vorliegt. Parallel zum Streik gibt es darum auch einen Rechtsstreit über die Gültigkeit der Kündigungen. Das Unternehmen hat den Arbeitern eine Abfindung angeboten, die sie allerdings abgelehnt haben. In ihrer Abwesenheit riefen ihre Chefs darum sogar gezielt bei den Familien der Arbeiter zu Hause an, um ihnen die angebotene Abfindung nahezulegen – eine perfide Strategie, um sie bis in ihr Privatleben hinein unter Druck zu setzen und zu verunsichern. Und da sie für die Auszahlung des einjährigen Arbeitslosengeldes eine offizielle Kündigung vorlegen müssten, bringt sie ihr Rechtsstreit gerade in eine akut prekäre Situation. Sie sind alle Mitglied in der Gewerkschaft und haben vor dem Werkstor einen Streikposten eingerichtet. Ihr ehemaliger Arbeitgeber organisiert derweil mit einem Subunternehmen den Streikbruch. Im Jahr zuvor gab es bereits 49 Entlassungen und 43 Tage Streik.

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Machtkampf mit dem Multi

Über diesen Arbeitskampf hinaus haben die griechischen Gewerkschaften auch eine breite Kampagne gegen die Coca Cola Hellenic Bottling Company initiiert. „Nein zur bulgarischen Coca Cola!“, heißt es auf einem riesigen Plakat, das wir schon an der Hauswand des „Arbeiterzentrums“ gesehen hatten. Was hat es damit auf sich?
Die Coca Cola Hellenic Bottling Company S.A. (kurz Coca Cola HBC) ist der weltweit zweitgrößte Produzent und Abfüller von lizensierten Coca Cola-Produkten. Sie gehört zu 23% dem US-amerikanischen Original, der Coca Cola Company. Die Coca Cola HBC ist in 28 Ländern auf drei Kontinenten aktiv und beschäftigt laut eigenen Angaben über 38.000 Menschen. Lange Zeit lag der Führungssitz in Athen und die Coca Cola HBC war dem Marktwert nach das größte Unternehmen des Landes. Entsprechend wichtig waren die gezahlten Steuern für den griechischen Staat. Allerdings wurden 95% des Umsatzes außerhalb von Griechenland generiert. Im Jahr 2012 wurde der Firmensitz in die Schweiz verlagert, laut Konzernangaben nicht zuletzt wegen der steigenden Steuern. „Die Verlegung der Firmenzentrale ist gut, weil das die Gefahren höherer Steuern oder einer Verstaatlichung reduziert“, hieß es damals in einem Handelsblatt-Artikel. Klar, dass der Umzug ein breites Medienecho und empörte Reaktionen griechischer Politiker und Arbeitgeberverbände zur Folge hatte. Dem Geschäftsbericht der Coca Cola HBC zufolge hat das Unternehmen 2012 einen Profit von 190,4 Mio. Euro erwirtschaftet. Für Griechenland stellt er rückläufigen Umsatz und verschlechterte Bedingungen für Wirtschaft und Handel fest. Vor allem der mögliche Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone habe die Kreditwürdigkeit des Unternehmens belastet.

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Im Norden Griechenlands stehen mehrere Abfüllanlagen der Coca Cola HBC, ein ganzes Distributionsnetz hängt daran. Doch die Produktion soll nun nach Bulgarien verlagert, das Verteilernetz zerschlagen und durch den öffentlichen griechischen Transport ersetzt werden. Das spart Geld. Bulgarien führt der Geschäftsbericht von 2012 unter den „Emerging Markets“ – hier gibt es das größte Wachstumspotential, die Produktion ist billiger. Für die griechischen Angestellten würde das den Verlust ihrer Arbeitsplätze bedeuten. Zumal das Unternehmen hier immer noch schwarze Zahlen schreibt.
Die griechischen Gewerkschaften machen darum gegen das transnationale Unternehmen mobil. Zweifelsohne ein defensiver Kampf, aber etwas anderes ist gerade auch kaum möglich. Dem Großkapital weniger Mobilität und den Erhalt von Arbeitsplätzen aufzwingen zu wollen, ist angesichts der Situation schon ein kämpferisches Unterfangen. Für die griechischen Gewerkschaften steht dabei einiges auf dem Spiel. An dem Distributionsnetz der Abfüllanlagen hängt eine ganze Menge Jobs der Region. Und wenn sie die verlieren, sinkt ihre Kampfkraft auch noch weiter – es ist ein Präzedenzfall. Es geht ihnen auch nicht darum, dass es in Bulgarien keine Abfüllanlagen geben soll, sondern sie fordern die Möglichkeit, weiterhin ein geregeltes Einkommen erhalten zu können. Vor allem der Propaganda des Unternehmens, mit der es die Verlagerung der Produktion öffentlich rechtfertigt, wollen sie etwas entgegensetzen. Die Abfüllanlagen arbeiten profitabel, wirtschaftlich gesehen müsste man also nicht abwandern. Dass sich die Coca Cola HBC zugleich noch als soziales Unternehmen inszeniert, das für die Region Sorge trägt, finden die Gewerkschafter zynisch. Sie haben darum Kampagnenmaterial drucken lassen, fahren mit Lautsprechern durch die Straßen und rufen zum Boykott auf. Die Kampagne läuft gerade an.

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„Wir können ein paar Autos organisieren!“

Nachdem wir mit Vasilis über den Streik und die Kampagne gesprochen haben, haben wir noch viele Fragen. Ob sie Kontakte zu deutschen Gewerkschaften haben und wie das Verhältnis sei, wollen wir wissen. Und wie ist ihre Wahrnehmung der bundesdeutschen Gewerkschaften – haben sie Kritik an der Krisenpolitik der DGB-Gewerkschaften? Wir sollten vor allem den Lügen über die griechische Schuldenkrise etwas entgegensetzen, sagt er. Und natürlich ihren Streik und die Boykott-Kampagne bekannt machen. Ganz offen antwortet er wohl nicht. Wie die anderen Gewerkschafter, die wir treffen, äußert auch er nur im Unterton seinen Unmut über die Politik der deutschen Kollegen – das ist der erstaunlich kurzen und wohlwollenden Antwort anzumerken. Aber dass wir nach Thessaloniki gekommen sind, um Arbeitskämpfe wie den der Coca Cola-Arbeiter zu unterstützen, ist ihm natürlich nicht entgangen. Und darum bietet er uns an, die Kollegen beim Streik vor der Abfüllanlage doch einfach zu besuchen. „Wir können ein paar Autos organisieren und euch hinfahren“, sagt er. „Das wäre kein Problem!“ Die kommenden Tage beratschlagen wir, ob wir das noch in unserem Zeitplan unterbringen können. Doch schließlich sagen wir zu und fahren am Freitagmorgen gespannt zum Streikposten vor der Abfüllanlage.

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Vormittag am Streikposten

Wir wissen gar nicht, wie viele Menschen in diese Kampagne eigentlich involviert sind. Aber auf der Autofahrt zur Abfüllanlage sehen wir viele Geschäfte und Läden, die sich ein Plakat der Boykottkampagne ins Fenster gehangen haben. Viele scheinen den Kampf der Gewerkschaften gegen den Multi unterstützen zu wollen.
Vor dem Werk angekommen treffen wir die rund 20 griechischen Kollegen beim Streikposten. An der Straße, vor der Zufahrt zur Anlage, haben sie sich postiert und einen kleinen Unterstand mit einigen Bänken aufgebaut. Den halten sie 24 Stunden am Tag besetzt. Wir begrüßen einander, verständigen uns mit etwas Englisch oder eben mit Händen und Füßen. Zum Glück ist Omiros mitgekommen, er muss wieder übersetzen. Für viele aus unserer Gruppe ist es der erste Besuch eines Streikpostens überhaupt. Und dass ein Haufen junger Linker aus Deutschland anreist um sich irgendwie solidarisch zu zeigen, kommt hier wohl auch nicht alle Tage vor. Umso interessierter werden wir empfangen und direkt mit T-Shirts und Mützen der P.O.E.E.P. ausgestattet. Vasilis stellt uns den griechischen Arbeitern vor und berichtet noch einmal kurz den Stand der Dinge. Er bedankt sich für die Solidarität, die Streikenden klatschen. Dann zeigt er auf die Kameras auf dem Firmengelände hinter dem Zaun – wir werden beobachtet. Die Leute vom Sicherheitsdienst hätten klare Anweisungen, insgesamt seien sie aber schon okay, sagt er. Zum Schluss schießen wir ein Gruppenfoto und die griechischen Kollegen verteilen Grillspieße, Bier und Cola – seit Beginn des Streiks trinken die Arbeiter demonstrativ Pepsi Cola vor der Abfüllanlage.
Am Tag zuvor gab es eine Pressekonferenz anlässlich des Kampagnenstarts. Von der hatte auch der Vertreter der GSEE schon erzählt. Doch wie erwartet ist die bürgerliche Presse nicht erschienen. Mehr als sonst sind sie in Zeiten wie diesen vom Anzeigengeschäft abhängig, mit dem Großkapital will sich keiner anlegen. Aber SYRIZA und die kommunistische Partei KKE unterstützen den Streik und die Kampagne. In einer parlamentarischen Anfrage hat die KKE die griechische Regierung gefragt, was sie in dieser Sache zu unternehmen gedenke. Coca Cola benutzt den Rahmen bürgerlicher Gesetzgebung für den Klassenkampf von oben und bürdet der Bevölkerung die Lasten der Krise auf, heißt es in der Anfrage. Die streikenden Arbeiter haben sie ausgedruckt und gemeinsam mit anderen Unterstützungserklärungen an eine Info-Wand gehangen. Natürlich ist ihre Situation nicht einfach, sagen die meisten im Gespräch. Aber wehleidig ist hier keiner. Sie sind guter Dinge und unterstützen einander, der gemeinsame Arbeitskampf scheint ihnen trotz allem Kraft zu geben.

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Rund zwei Stunden verbringen wir bei den griechischen Coca Cola-Arbeitern und tauschen uns über ihre Situation aus, fragen nach ihrer Einschätzung der Lage, oder machen einfach zusammen Scherze. Dann müssen wir los, weiter zum nächsten Treffen. Was außer T-Shirts und anderen Gewerkschafts-Gimmicks nehmen wir mit? Zumindest bei einem ihrer Streiktage konnten wir die streikenden Arbeiter unterstützen und einen Einblick in ihre Situation bekommen. Die Krise in Griechenland ist nicht für alle Kapitalfraktionen die selbe: Das Beispiel der Coca Cola HBC zeigt, wie multinationales Großkapital die Situation nutzt, um seine Stellung auf dem Weltmarkt auszubauen. Und Kollegen wie die, die wir getroffen haben, gehören zu jenem Teil der arbeitenden Klasse, der unter diesen Politiken und den Krisen des Kapitals immer als erstes zu leiden hat. Macht unsere Arbeit bekannt und tut was gegen die Lügen, sagen sie. Das ist ein Auftrag – auch und gerade für die bundesdeutschen DGB-Gewerkschaften.

John

Weitere Informationen:

chronico-apergias.blogspot.de
facebook.com/pages/Coca-cola-apergia/238774946277939
twitter.com/cocacolastrike

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